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Feier zur Neugründung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Gießen Nord am 1. Januar 2020

Drei Kirchen in einem Boot

Viele geladene Gäste, vor allem aber zahlreiche Gemeindemitglieder waren am Nachmittag des 1. Januar 2020 in die Pauluskirche gekommen, um die Gründung der neuen Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Gießen Nord mit einem Gottesdienst und einem anschließenden Empfang zu feiern.

„Sie geben sich gegenseitig Raum, schaffen dadurch neue Räume und strahlen aus“, begrüßte der Dekan des Dekanats Gießen, Pfarrer André Witte-Karp in seiner Predigt die formale Kooperation der drei Gemeinden, die schon seit vielen Jahren eng verbunden sind. Die Pfarrerinnen und Pfarrer der weiterhin bestehenden Gemeinden Michael, Paulus und Thomas, Dr. Gabriel Brand, Iris Hartings, Carolin Kalbhenn und Rolf-P. Noormann, hatten zusammen mit den Kirchenvorständen eingeladen und gestalteten den Gottesdienst.
Die Besucherinnen und Besucher wurden durch Kantor Norbert Kissel und den Kanon „Glieder, zur Kette verbunden“ musikalisch ebenso einbezogen wie durch den Wiesecker Posaunenchor unter der Leitung von Andreas Gramm. „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ zitierte Dekan Witte-Karp aus dem Johannes-Evangelium und wies darauf hin, dass der Austausch und die Gottesnähe Räume bedürfen, und dass Gott selbst in drei Gestalten unterwegs sei. „Die unterschiedlichen Identitäten ihrer drei Gemeinden werden nicht aufgehoben, sondern Sie bringen diese ein und verwandeln sie, um ihr Quartier neu wohnlich zu machen.“ Die drei Kirchen bleiben als vertraute Gottesdienstorte erhalten, in denen getauft und getraut wird. Es handelt sich nicht um eine Fusion, die bisherigen Gemeinden werden rechtlich weiterbestehen. Gemeinsam stellen sie einen Haushalt auf und werden bis zur nächsten Kirchenwahl 2021 von einem aus den drei Vorständen gebildeten knapp 30-köpfigen Gremium geleitet. Es entsteht eine Gemeinde mit über 7.000 Mitgliedern, davon mehr als die Hälfte aus Michael. Die Paulusgemeinde bringt 1.900, die Thomasgemeinde 1440 Menschen mit in die neue Verbindung.
An den Gottesdienst am ersten Tag des Jahres schloss sich ein Empfang im voll besetzten Gemeindesaal an, der in der Paulusgemeinde Tradition hat und vom Paulus-Kirchenvorsteher Christoph von Weyhe moderiert wurde; er erklärte schmunzelnd: „Bis gestern war ich Vorsitzender des Kirchenvorstands der Paulusgemeinde. Was ich jetzt bin, weiß ich noch nicht.“ Dass Kooperationsformen wie die von den drei Gemeinden gewählte rechtlich erst geschaffen werden mussten, betonte der Vorsitzende der Dekanatssynode, Gerhard Schulze-Velmede in seinem Grußwort. „Sie haben die Vorteile der Zusammenarbeit, und behalten ihre vertrauten Ortskirchen – das kann Modell für weitere Kooperationen sein.“ Die Gießener Stadträtin Gerda Weigel-Greilich knüpfte daran an und zog einen Vergleich zur Gebietsreform Ende der 1970er Jahre: „Zusammenschlüsse in immer größere Einheiten wie bei der Stadt Lahn sind nicht der Weisheit letzter Schluss, aber interkommunale Zusammenarbeit funktioniert ganz gut, wenn sie von allen Seiten gewünscht wird“. Der SPD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Gießener Dekan und Pfarrer in der Paulusgemeinde Frank-Tilo Becher wies darauf hin, dass Aufbrüche in der Kirche auch in Politik und Gesellschaft als bedeutsam verstanden und begrüßt werden.
Welche Haken und Ösen die gewählte Kooperationsform der Gesamtkirchengemeinde haben kann, zeigten zum Schluss die vier Pfarrer in einem Sketch: habe man sich anfangs noch vorgestellt, dass man im Detail gemeinsam die beste Lösung finden könne, gebe es doch viele Vorgaben „von oben“. Dies fange bei den Siegeln an, gehe über die Organisation des Gemeindebüros und reiche bis hin zur Archivierung. Der Nachmittag klang in einem geselligen Beisammensein bei Kräppeln und belegten Brötchen und vielen Gesprächen zwischen den neuen Partnern aus.
Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Gießen Nord setzt sich seit dem 1. Januar 2020 aus der historischen Wiesecker Ortsgemeinde Michael als älteste der drei Gemeinden sowie den beiden Gießener Nordstadtgemeinden Paulus (gegründet 1958) und Thomas (gegründet 1965) zusammen. Diese bleiben als „Seelsorgebezirke“ bestehen, in denen die bisherigen Pfarrer und Pfarrerinnen ansprechbar sind.


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