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Baumängel

Einsturzgefahr: Gießener Wichernkirche geschlossen

Wenigstens liegt die Riesenbaustelle vor der sanierungsbedürftigen Wichernkirche nicht auch in der Verantwortung von Pfarrerin Löytynoja und Pfarrer Johannes Lohscheidt.

Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg ist in Gießen eine evangelische Kirche wegen Baufälligkeit geschlossen worden. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau verfügte die Schließung der Wichernkirche, an der Kreuzung Fröbelstraße/Trieb, im Gießener Osten wegen des einsturzgefährdeten Daches.

Das Gebäude bleibt verschlossen und die Gemeinde darf auch keine Gottesdienste mehr darin feiern. Die Dachkonstruktion der 1963 eingeweihten Kirche ist nach einem von der Gemeinde in Auftrag gegebenen Gutachten nicht mehr sicher. Seit vielen Jahren dringt durch das Dach Wasser in die Kirche ein und hat im Innern, vor allem aber im Dach bereits erhebliche Schäden hervorgerufen. Zuletzt sah sich die Gemeinde genötigt, die Orgel mit einem Zelt vor Feuchtigkeit zu schützen.

Einsturzgefahr bei Sturm und Schnee

Das Baugutachten hatte darüber hinaus aber ergeben, dass tragende Teile der hölzernen Dachkonstruktion durch jahrelangen Kontakt mit Feuchtigkeit porös geworden sind. Die Sicherheit des Daches bei Sturm oder Schneefall konnte nicht mehr gewährleistet werden. „Es handelt sich bei der Dachkonstruktion um die gleich Art wie bei dem 2006 unter einer Schneelast eingestürzten Dach der Eislaufhalle in Bad Reichenhall, die auf tragische Weise Menschenleben gefordert hat“, berichtet der Pfarrer der Wicherngemeinde, Johannes Lohscheidt. Deswegen will die Kirche keinerlei Risiko eingehen.

Gestiegene Holzpreise werden zum Problem

In einem ersten Schritt werden die Verblendung des Gebälks im Innern geöffnet und die Tragkonstruktion penibel untersucht. Vom Ergebnis hängt ab, ob das Dach total saniert werden muss oder in Teilen ausgebessert werden kann. Nach vorläufigen Schätzungen wird die Sanierung bis zu 750.000 Euro kosten. Dabei ist die dramatische Preissteigerung bei Bauholz in diesem Jahr noch nicht einkalkuliert. „Außerdem wird die Sanierung wahrscheinlich lange auf sich warten lassen, weil im Moment die Baubetriebe volle Auftragsbücher haben“, klagt der junge Pfarrer, der seit drei Jahren in der Wicherngemeinde ist.

Kooperation mit Katholiken

Derzeit vertritt Lohscheidt zusätzlich in der nahen, am Eichendorffring gelegenen Andreasgemeinde Pfarrerin Wibke Eßbach, die in Elternzeit ist. Gottesdienste finden vorläufig im Gemeindehaus der Wicherngemeinde aber auch in der benachbarten katholischen Kirche St. Thomas Morus statt. „Es ist ein Segen, dass wir seit einigen Jahren gute ökumenische, also überkonfessionelle Beziehungen zu der katholischen Gemeinde haben“, schwärmt Johannes Lohscheidt. Für Hans-Joachim Wahl, Katholischer Dekan in Gießen und Gemeindepfarrer von St. Thomas Morus, war gleich nach der Schließung abgemachte Sache, dass in der Kirche auch evangelische Gottesdienste gefeiert werden. So wird der neue Kirchenvorstand der Wicherngemeinde im August feierlich in der benachbarten katholischen Kirche ins Amt eingeführt.

Zusammenwachsen dreier evangelischer Gemeinden im Gießener Osten

Glück im Unglück ist auch, dass die Wicherngemeinde seit gut einem Jahr eng mit den benachbarten Gemeinden Andreas und Luther in einem sogenannten „Kooperationsraum“ zusammenarbeitet und in der jetzigen Situation nicht allein dasteht. Schon seit vielen Jahren arbeiten die Gemeinden an verschiedenen Schwerpunkten zusammen, doch „mit dem im Juni 2020 vertraglich vereinbarten Kooperationsraum wurden die Themen der Zusammenarbeit auch vertraglich geregelt, etwa für gemeinsame Gottesdienste, Konfirmandenarbeit und Erwachsenenbildung“, erläutert die Vorsitzende des Kirchenvorstands der Wicherngemeinde, Antje Desgroseilliers, das Zusammenwachsen der evangelischen Gemeinden im Gießener Osten.

Die Kirchengemeinden und ihre Leitungen bleiben weiterhin eigenständig. Doch Pfarrerin Sonja Löytynoja (Luthergemeinde) und Johannes Lohscheidt sind für den ganzen Einzugsbereich der drei Gemeinden zuständig. Wie sie ihre Arbeitsschwerpunkte setzen, wird in einer Pfarrdienstordnung geregelt. „Ich bin für den Konfirmandenunterricht zuständig“, sagt Sonja Löytynoja, die seit drei Jahren Pfarrerin ist.

Die Gemeinden haben viel miteinander vor

Die drei Gemeinden haben viel gemeinsam vor, so Pfarrerin Löytynoja. Der Rückgang der Kirchenmitgliederzahlen veranlasst Evangelische Gemeinden an vielen Orten ihre Angebote zu konzentrieren. „Im Gießener Osten wird seit längerem der Bau eines neuen gemeinsamen Gemeindehauses der drei Gemeinden auf dem Lutherberg geplant.“ Dort verändert sich gerade der Gebäudekomplex der Luthergemeinde. Kürzlich wurde der Grundstein für die Erweiterung der modernen Kindertagesstätte hinter dem alten Gemeindehaus gelegt, in dem jetzt noch einige Gruppen der Kita beheimatet sind. „Die Wichernkirche soll zukünftig die Kirche und damit das gottesdienstliche Zentrum des Gießener Ostens sein. Dafür soll sie saniert und im Innenraum umstrukturiert werden, damit sie nicht nur Platz für Gottesdienste, sondern auch für Kultur-Veranstaltungen bietet“.

Hindernisse und neue Chancen

In welcher Weise die plötzliche Schließung der Wichernkirche und der erhöhte Sanierungsbedarf die Pläne verzögert, ist noch ungewiss. Eigentlich war auch geplant, das Gemeindehaus der Wicherngemeinde neben der nun geschlossenen Kirche in dem wachsenden Wohngebiet auf dem Geländer der einstigen US-Kaserne zu veräußern. Sicher ist aber, dass durch die Schließung und die Suche nach neuen Wegen der Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden erhebliche Bewegung in die Kooperation kommt, findet die Kirchenvorstandsvorsitzende Antje Desgroseilliers: „Die Kirchensanierung startet jetzt mit Hindernissen, birgt aber neue Chancen für die evangelischen Gemeinden im Gießener Osten.“


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